Wie ich date (auf die etwas unbequeme Therapeutinnen-Art)

19. Juni 2026 · 5 Min. Lesezeit

Es gibt drei Dinge, die ich von Anfang an anders mache. Denn ich glaube nicht, dass gute Beziehungen entstehen, weil zwei perfekte Menschen sich finden. Sondern weil zwei unperfekte Menschen ehrlich genug sind, gemeinsam etwas Echtes aufzubauen. Deshalb ist das hier wahrscheinlich keine klassische Dating-Anleitung, aber vielleicht näher an dem, was gesunde Beziehungen tatsächlich möglich macht und trägt.

1. Ich versuche nicht, unkompliziert zu wirken

Ich zeige mich so echt und so verletzlich, wie ich es sein kann, und das so früh wie möglich.

Nicht im Sinne von „hier ist meine komplette Lebensgeschichte beim ersten Date“ - das braucht wirklich niemand. Aber ich verstelle mich auch nicht, nur um besser ins Bild zu passen.

Das Problem mit dem kuratierten Selbst: Man baut keine Verbindung auf, sondern eine Inszenierung. Und Inszenierungen sind anstrengend aufrechtzuerhalten. Irgendwann kommt das echte Ich sowieso durch. Und dann steht man ein paar Monate später da und fragt sich: Wie bin ich eigentlich hier gelandet?

Also bin ich lieber von Anfang an ein bisschen zu viel, ein bisschen zu ehrlich, ein bisschen zu verletzlich und ein bisschen zu sehr Ich. Weder perfekt, noch poliert, sondern einfach nur echt.

Wenn jemand damit schon bei den ersten Begegnungen nicht umgehen kann, wird diese Fähigkeit später nicht plötzlich auftauchen. Das ist keine Frage von falschem Timing, sondern es passt dann einfach nicht.

2. Mir ist egal, ob wir streiten – mir ist wichtig, wie wir damit umgehen

Konflikte sind nicht das Problem. Sie zu vermeiden ist eines. Sie schlecht zu handhaben auch und nicht mehr zueinander zurückzufinden erst recht. Die meisten von uns haben das nie wirklich gelernt. Wir haben gelernt, Konflikte zu vermeiden, uns anzupassen, den Frieden zu wahren. Nicht aber, wie man danach die Scherben wieder zusammensetzt. Deshalb versuche ich relativ früh herauszufinden, wie jemand mit Konflikten umgeht: Macht die Person dicht? Wird sie defensiv? Schiebt sie die Schuld auf andere? Zieht sie sich zurück? Oder kann sie innehalten, wieder auf mich zukommen und wirklich ins Gespräch gehen? Kann sie die Spannung und ein gewisses Unbehagen aushalten, damit etwas Echtes passieren kann?

Denn der Wille und die Fähigkeit zur Reparatur, also nach einem Bruch wieder zueinander zu finden, sind es, die eine Beziehung tragen. Man kann eine starke Anziehung haben, aufregende gemeinsame Interessen, grossartigen Sex und trotzdem genau hier scheitern. Alles andere ist verhandelbar. Das nicht.

Und wenn eine Beziehung gar keine Konflikte kennt? Dann ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen, sondern ein Hinweis (und vielleicht Stoff für einen eigenen Blogbeitrag).

3. Mir sind gemeinsame Werte wichtiger als Anziehung

Gemeinsame Interessen sind schön. Gemeinsame Werte sind entscheidend.

Was ist dir wirklich wichtig? Wie willst du dein Leben gestalten? Was baust du gerade auf?

Man kann jemanden sehr lieben und trotzdem grundsätzlich unvereinbar sein. Ich habe das selbst erlebt, und diese Lücke wird mit der Zeit nicht kleiner, sondern immer grösser.

Deshalb nehme ich mir die Zeit, das früh zu verstehen. Mir geht es dabei weniger darum, Menschen zu „screenen“, sondern darum, ehrlich hinzuschauen, wohin das führen könnte. Denn am Ende ist Ehrlichkeit über Kompatibilität fairer, als Unterschiede zu ignorieren und zu hoffen, dass sie später verschwinden.

Und für alle, denen Intimität wichtig ist: Ja, Anziehung zählt. Aber Lust schwankt, Vorlieben verändern sich und genauso das, was der Körper in verschiedenen Lebensphasen braucht. Das ist keine Krise sondern normal. Und in einer gesunden Beziehung lässt sich das gemeinsam navigieren.

Das sind also meine drei Punkte: Sei echt. Schau, ob ihr reparieren könnt. Und finde heraus, ob ihr wirklich in die gleiche Richtung geht. Alles andere ergibt sich unterwegs.

Check-in: Frag dich ehrlich, welchen dieser Punkte du normalerweise vermeidest.

Warum „es besser wissen“ nicht bedeutet, es besser zu machen

Hier kommt der unbequeme Teil. Und der etwas demütigende. Ich mache das beruflich und ich kriege es trotzdem nicht immer hin.

Ich vermittle gute Kommunikationsmethoden und eine gesunde Streitkultur. Ich erkenne Muster in Beziehungen oft innerhalb von Minuten. Und in meiner eigenen? Werde ich trotzdem defensiv. Mache ich trotzdem manchmal zu und ertappe mich auch mal dabei, wie ich reagiere, statt neugierig zu bleiben.

Erst neulich sass ich in einem Gespräch mit meinem Partner und habe in Echtzeit gemerkt, wie es passiert. Ich habe exakt das gemacht, wovon ich meinen Klient:innen abrate. Und ein Teil von mir dachte nur: „Im Ernst jetzt? Das ist dein Job. Du wirst dafür bezahlt. Jetzt reiss dich zusammen!“

Doch mittlerweile habe ich gelernt, dass die Werkzeuge zu haben nicht bedeutet, dass es plötzlich einfach wird. Es bedeutet, dass man bestenfalls schneller erkennt, was gerade passiert. Man kann es sehen. Man kann es benennen. Und irgendwann kann man sich entscheiden, es anders zu machen. Nicht perfekt. Aber anders.

Meine Glaubwürdigkeit kommt nicht daher, dass ich eine perfekte Beziehung führe. Ich glaube nicht daran, dass irgendjemand dies tut. Sie kommt daher, dass ich bereit bin, auch bei mir aufzuräumen. Besonders dann, wenn es unangenehm ist. Besonders dann, wenn ich diejenige bin, die sich entschuldigen muss. Besonders dann, wenn ich ehrlich gesagt lieber ausweichen und verschwinden würde.

Wenn du also denkst: „Ich weiss doch eigentlich, was ich tun sollte, warum ist es trotzdem so schwierig?“, willkommen im Club. Das ist kein Versagen. Das nennt sich Menschsein.

Es besser zu wissen bedeutet nicht automatisch, es besser zu machen. Es bedeutet nur, dass man die Chance hat, sich beim nächsten Mal anders zu entscheiden. Und beim übernächsten. Und all die Male danach auch…

Vielleicht geht es gar nicht darum, alles immer richtig zu machen, sondern darum, verbunden zu bleiben. Genau in den Momenten, in denen der Impuls ist, dichtzumachen, sich zurückzuziehen oder sich zu schützen.

Das ist der unbequeme Teil und gleichzeitig der Punkt, wo Beziehungen wirklich beginnen. Nicht, wenn es einfach ist, sondern wenn es einfacher wäre loszulassen und man trotzdem bleibt.

In der Praxis in Zürich oder online.

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