Wenn einer will und der andere nicht – willkommen im Club der ganz normalen Paare
19. Juni 2026 · 9 Min. Lesezeit
Stell dir vor: Zwei Personen stehen in der Küche vor demselben Kühlschrank. Gleiche Zutaten, gleiche verfügbare Zeit, gleiche Temperatur im Raum. Die eine kocht ein aufwendiges Drei Gänge Menü, die andere macht sich ein Brot. Keiner macht etwas falsch. Sie haben einfach unterschiedlichen Hunger. Genau so ist es mit sexueller Lust in Beziehungen.
Das Missverständnis, das Beziehungen kostet
Libidodifferenzen, also unterschiedlich starkes sexuelles Verlangen, gehören zu den häufigsten Themen, mit denen Paare in meine Praxis kommen.
Und fast immer bringen beide dasselbe mit: Scham.
Die Person mit mehr Lust schämt sich fürs Fragen. Fühlt sich zu viel, zu fordernd und zu bedürftig und/oder auch nicht (mehr) geliebt.
Die Person mit weniger Lust schämt sich fürs Neinsagen. Fühlt sich schuldig und kalt. Als würde sie etwas verweigern, das sie eigentlich geben müsste.
Beide leiden. Und beide glauben, das Problem liege bei ihnen oder beschuldigen sich schlimmstenfalls gegenseitig. Für beide fühlt es sich in jedem Fall verdammt persönlich an.
Der Mythos: Lust funktioniert gleich
Die meisten von uns wachsen mit der Vorstellung auf, Lust sei spontan. Sie kommt einfach oder eben nicht. Das stimmt auch, für manche, aber längst nicht für alle.
Die Sexualwissenschaftlerinnen Emily Nagoski und Rosemary Basson unterscheiden zwischen zwei Formen von sexuellem Verlangen:
Spontanes Verlangen: Lust entsteht scheinbar aus dem Nichts
Reaktives Verlangen: Lust entwickelt sich als Reaktion auf erlebte Nähe, Berührung, emotionale Verbindung bzw. auf als positiv erlebte Beziehungserfahrungen
Gerade in längeren Beziehungen verschiebt sich Lust häufig vom spontanen ins reaktive Erleben. Was oft nicht mitgedacht wird: Lust verändert sich nicht nur im Moment, sondern auch über die Zeit hinweg. Am Anfang einer Beziehung ist vieles neu, ungewohnt und aufregend, was Lust fast automatisch verstärkt. Mit der Zeit kommen Vertrautheit, Alltag und Sicherheit dazu. Genau das, was für Bindung wichtig ist, reduziert häufig die Spannung, aus der Lust entsteht. Das ist kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, sondern eine ziemlich normale Entwicklung.
Es bedeutet konkret: Wer reaktives Verlangen hat, wird auf die Frage „Hast du Lust?“ oft mit Nein antworten, obwohl grundsätzlich Offenheit für Nähe da ist. Nicht, weil die Lust fehlt, sondern weil sie Raum braucht, um entstehen zu können.
Wenn Paare das nicht wissen, passiert genau das, was so viele erleben: Die eine Seite fühlt sich abgelehnt. Die andere versteht nicht, warum sie immer Nein sagt, obwohl sie eigentlich Nähe möchte und die Partnerperson liebt. Dann geht es schnell nicht mehr um Lust, sondern um Interpretation.
Warum Libido keine feste Grösse ist
In einer Welt, in der wir vieles messen und vergleichen und dafür auch noch Standards haben, wirkt es fast ungewohnt, dass Libido keine feste Grösse ist, sondern immer relativ.
Stell dir zwei Beziehungen vor:
In der einen möchte eine Person einmal pro Woche Intimität, die andere dreimal. Die Person mit einmal pro Woche gilt als die mit weniger Lust. In einer anderen Beziehung möchte eine Person dreimal pro Woche Intimität, die andere täglich. Plötzlich ist genau die Person mit dem Wunsch nach dreimal pro Woche diejenige mit weniger Lust. Es ist also gar nicht so, dass jemand wenig oder viel Lust hat. Das „mehr“ oder „weniger“ entsteht im Vergleich. Und genau dieser Vergleich passiert in Beziehungen ständig, oft unausgesprochen und unbewusst.
Lust entsteht zudem nie im luftleeren Raum. Sie ist immer eingebettet in das, wie wir leben, wie wir uns fühlen und wie wir als Paar miteinander funktionieren. Unterschiede im Verlangen sind deshalb oft weniger ein individuelles Problem als ein Ausdruck der Dynamik zwischen zwei Menschen.
Das Problem ist: Sobald Lust zu einer persönlichen Eigenschaft wird, fühlt sich jede Differenz schnell wie ein Defizit an. In Wahrheit ist es eine Frage von Abstimmung.
Und noch etwas: Die Idee, dass zwei Menschen gleichzeitig, gleich oft und unter den gleichen Bedingungen Lust haben sollten, ist ziemlich romantisch und schlicht unrealistisch.
Lust ist kein fixer Zustand. Sie verändert sich. Mit dem Alltag, mit Stress, mit Nähe und mit Distanz. Dass sie nicht synchron läuft, ist kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, sondern der Normalfall.
Es geht also weniger darum, wie viel Lust jemand hat, sondern darum, wie unterschiedlich zwei Menschen sie erleben und wie sie entscheiden, mit dieser Differenz umzugehen.
Was passiert, wenn Lust zur Bringschuld wird
Die Person mit mehr Lust übernimmt oft die Initiative. Sie hofft, fragt und schlägt immer wieder etwas vor und riskiert dabei jedes Mal ein Nein. Irgendwann kippt die Dynamik. Nicht, weil die Lust weg ist, sondern weil Ablehnung schwerer wiegt als Verlangen.
Gleichzeitig wächst auf der anderen Seite der Druck. Intimität fühlt sich nicht mehr wie Verbindung an, sondern wie etwas, das man liefern sollte. Und wenn Lust zur Pflicht wird, passiert genau das, was niemand will: Sie verschwindet. Nicht langsam, sondern schnell und zuverlässig.
Was hier oft entsteht, ist ein ziemlich stabiler Kreislauf: Mehr Druck führt zu weniger Lust, weniger Lust wiederum zu mehr Druck. Und irgendwann geht es nicht mehr um Nähe, sondern vor allem darum, diese Dynamik zu vermeiden. Lust lässt sich nicht erzwingen, aber sie lässt sich einladen.
Lasst uns kurz zurück in die Küche gehen:
Eine Person hat keinen Hunger. Die andere Person beginnt nur für sich selbst etwas zu kochen. Man hört wie in der Pfanne etwas zu bruzeln beginnt. Erst leise, dann intensiver. Ein warmer leckerer Duft verbreitet sich im Raum. Die Person bewegt sich ruhig durch die Küche, sie schneidet, richtet an, probiert zwischendurch, würzt nach. Am Ende steht ein Teller da, der fast ein bisschen zu schön ist, um ihn zu ignorieren. Er ist farbenfroh, manches saftig, anderes knackig, wieder anderes cremig. Er ist warm und dampft noch leicht. Und auf einmal passiert etwas. Man merkt, dass da doch ein bisschen Appetit ist. Vielleicht noch kein grosser Hunger, aber genug um einen Bissen zu probieren. Nicht geplant, nicht erzwungen, sondern entstanden.
Und genauso funktioniert auch Lust für viele Menschen. Sie braucht einen Kontext, keinen Startknopf. Ein Gefühl von Sicherheit, keinen Erwartungsdruck. Berührungen, die nicht sofort irgendwo hinführen müssen. Und ja, das ist unbequem, weil es bedeutet, dass Lust nicht vollständig kontrollierbar ist und gleichzeitig kann man mehr dafür tun, als viele denken.
Eine unbequeme, aber wichtige Frage
Wollt ihr eigentlich den Sex, den ihr habt? Oder versucht ihr, mehr von etwas zu haben, das sich schon länger nicht mehr wirklich stimmig anfühlt?
Motivation funktioniert ziemlich simpel: Wir tun Dinge, die sich für uns lohnen. Wenn Sex sich nicht lohnt, emotional, körperlich oder mental, dann wird er auch nicht häufiger. Nicht, weil jemand grundsätzlich keine Lust hat, sondern weil das, was da passiert, kein ausreichender Grund ist, Lust entstehen zu lassen.
Was ihr konkret tun könnt
1. Gespräche führen, unbequem und unperfekt
Sprecht über eure Lust, bewusst ausserhalb der Situation, in der gerade Druck da ist (nicht im Schlafzimmer!). Es muss nicht perfekt formuliert sein. Ein „Ich weiss gerade nicht genau, was ich sagen soll und es ist mir wichtig“ schafft mehr Verbindung als Schweigen. Denn Schweigen wird fast immer fehlinterpretiert, häufig als Desinteresse oder Rückzug. Lust ist kein individuelles Problem, sondern ein gemeinsames Thema.
2. Den eigenen Zugang zu Lust verstehen, inklusive Störfaktoren
Wie entsteht Lust bei mir und was steht ihr im Weg? Das können äussere Faktoren wie Stress oder Müdigkeit sein, aber auch innere wie Druck, Erwartungen oder Unsicherheit und vieles mehr das individuell und situationsabhängig ist. Und das gilt für beide Seiten. Je besser ihr versteht, was Lust fördert und was sie blockiert, desto weniger persönlich wird ein Nein und desto klarer wird, wo ihr gemeinsam ansetzen könnt.
3. Verbindung im Alltag aktiv gestalten
Intimität beginnt nicht erst im Bett. Sie entsteht in kleinen Momenten von Nähe und Kontakt im Alltag. Das klingt unspektakulär, ist aber entscheidend. Denn wenn im Alltag kaum Verbindung stattfindet, ist es ziemlich viel verlangt, dass sie auf Kommando plötzlich da ist.
Plant bewusst Zeit nur für euch ein (ja, alles andere was wichtig ist, ist auch im Kalender) und sprecht darüber, was dann passieren darf oder kann: Kuscheln, ein Spiel, Tanzen, Massage oder mehr. Alles kann, nichts muss. Ergebnisoffenheit ist essenziell! Plant es regelmässig ein, wechselt euch mit der Organisation ab und To Do Listen, die Kinder und andere Alltagsprobleme gehören in einen anderen Termin (genauso wichtig und hier nicht Thema).
Ebenso wichtig: Schafft neue Erlebnisse, gemeinsam und auch getrennt voneinander. Das bringt frischen Gesprächsstoff, Bewegung und Lebendigkeit zurück und oft auch wieder mehr Neugier aufeinander. So habt ihr euch meist auch kennengelernt. Als zwei Menschen mit eigenen Interessen und eigener Energie.
Übrigens ist es nicht die Planung, die Lust killt, das macht der Alltag schon ziemlich zuverlässig von allein, wenn man ihm alles überlässt. Planung ist das Gegenteil, also eine Entscheidung, Verbindung überhaupt stattfinden zu lassen. Und Lust entsteht dann oft nicht pünktlich auf die Minute, sondern schon vorher, als Vorfreude. Oder manchmal auch gar nicht und beides ist okay.
Was langfristig den Unterschied macht
Langfristig stabile sexuelle Verbindung entsteht nicht zufällig.
Die Forschung, unter anderem von Emily Nagoski, benennt zwei Dinge, die Paare gemeinsam haben, die über Jahre hinweg eine lebendige sexuelle Beziehung führen:
Radikale, wohlwollende Ehrlichkeit - d.h. alles was gesagt und gehört werden möchte hat Platz - sowie eine bewusste Priorisierung der sexuellen Verbindung. Das bedeutet, dass beide bereit sind, ehrlich hinzuschauen und gleichzeitig aktiv Raum dafür zu schaffen, anstatt darauf zu warten, dass Lust einfach passiert. Sie halten den Raum für eine erotische Verbindung und wenn diese schwächer wird sehen sie es nicht als Beweis, dass etwas kaputt ist, sondern investieren bewusst Zeit und Aufmerksamkeit, um wieder zueinander zu finden.
Sie sind gute Freunde, die sich bewundern, emotional verfügbar sind und sich sicher miteinander fühlen. Freundschaft, vertrauen und gegenseitige Wertschätzung.
Beides klingt nicht sehr romantisch, ist aber in allen andren Lebensbereichen in denen uns etwas wichtig ist auch so und trägt Beziehungen langfristig.
In ihrem neuen Buch „Come Together“ ergänzt sie noch einen dritten Punkt: Sie hören auf nach den Regeln anderer Menschen zu leben. Stattdessen finden sie aktiv heraus, was für sie als Paar tatsächlich funktioniert und passen dies wenn nötig immer wieder an.
Zum Mitnehmen
Unterschiedliche Lustlevel sind kein Beziehungsproblem. Was Beziehungen belastet, ist das, was daraus gemacht wird: die Stille, die Zuschreibungen, das langsame Zurückziehen.
Zwei Menschen können denselben Kühlschrank haben und trotzdem unterschiedliche Menüs kochen und das werden sie auch. Da läuft nichts falsch, sondern Lust funktioniert nie exakt gleich, nicht zur gleichen Zeit, nicht im gleichen Tempo und nicht unter den gleichen Bedingungen.
Die entscheidende Frage ist also nicht, ob ihr gleich viel wollt, sondern ob ihr einen Weg findet, mit euren Unterschieden in Verbindung zu bleiben.
Und noch etwas: Kleine kontinuierliche Schritte, also dranbleiben sind immer besser als riesige einmalige Veränderungen, die womöglich in die Hose gehen und zwar nicht so wie man das gerne hätte.
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